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Unglaublich: 20 Jahre sind seit dem Fall der Mauer bereits vergangen. Dem endgültigen Zusammenbruch der DDR im November 1989 ging der Sommer voraus, in dem Bürgern der DDR erstmals in großer Anzahl die Ausreise über das Gebiet von sozialistischen Nachbarstaaten gelang. Emotionaler Höhepunkt dieser Zeit war der Besuch von Bundes-Außenminister Hans-Dietrich Genscher bei den Flüchtlingen in der deutschen Botschaft in Prag. Als ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Deutschen Roten Kreuz mit dabei: DATALOG Key Account Mark Herzog.
Es ist internationales Recht: Botschaftsgelände sind exterritoriale Hoheitsgebiete eines Staates. Daher flüchteten DDR- Bürger 1989 in die Prager Botschaft auf bundesdeutsches Gebiet. Im August schafften das täglich zwischen 20 und 50 Flüchtlinge: Entweder an den kaum noch kontrollierenden tschechoslowakischen Polizisten vorbei durch das Tor, oder durch Klettern über den Zaun. Das aus der Barockzeit stammende Palais Lobkowitz war bald überfüllt. Im September waren es zeitweise 4.000 Menschen, die im Gebäude selbst oder in dem von Regen aufgeweichten Park im knöcheltiefen Schlamm kampierten. Die sanitäre Situation spitzte sich immer mehr zu. Das DRK setzte sich in Bewegung.
LOGIN: Herr Herzog, wann kamen Sie nach Prag?
Mark Herzog: Das erste Mal am 6. September 1989. Zu diesem Zeitpunkt war dort schon einiges los. Die ersten "Flüchtlinge" waren ja schon im August gekommen.
LOGIN: Wer setzt eigentlich bei solchen oder ähnlichen Gelegenheiten das DRK in Marsch?
Mark Herzog: Der Einsatz in Prag erfolgte auf Anordnung des DRK-Generalsekretariats, damals noch in Bonn. Bezahlt hat das zum Teil die Bundesregierung, zum Teil waren es viele, viele Spenden.
LOGIN: Was für Einheiten des DRK versahen mit welchem Auftrag Dienst in Prag? Mark Herzog: Das DRK hält neben örtlichen auch zentrale Hilfseinheiten insbesondere für internationale Einsätze vor. Damals war es die Hilfszugabteilung IV oder V des Generalsekretariats in Bonn, die von Mönchengladbach aus eingesetzt wurde. Diese Abteilungen waren rein materiell ausgestattete Einheiten mit einer ganz kleinen, fest zugeteilten Truppe von Helfern, die nur für Wartung zuständig waren. Wenn sie gebraucht wurden, wurden sehr spontan Helfer aus den Kreisverbänden rekrutiert und mit diesen Ausstattungen in Marsch gesetzt. Irgendwann um den 4. September kam spätabends der Anruf und zwei Tage drauf war ich unterwegs – mit Visum!
LOGIN: Wie funktionierte die Zusammenarbeit mit den tschechischen Behörden?
Mark Herzog: Die Leute am Tschechischen Zoll waren anfangs wenig begeistert. Immerhin unterstützten wir in ihren Augen etwas, was nicht eben zu den ausgemachten politischen Zielen der sozialistischen Regierung gehörte. So haben wir auch schon mal auf dem LKW an der Grenze übernachtet. Das mit den Visa war anfangs kein großes Problem. Später wurden die Helfer meines Wissens nach danach ausgesucht, wer denn schon ein Visum hatte, denn irgendwie dauerte das dann erst mal wieder länger.
LOGIN: Wer hatte vor Ort in Prag die Leitung des DRK -Einsatzes?
Mark Herzog: Das war Waltraut Schröder, die mit ein paar Helfern aus Bremen als erste vor Ort war. Bei YouTube erzählt sie übrigens sehr ausführlich vor der Kamera von ihren Erlebnissen in Prag. www.youtube.com/watch?v=_ZmRBpupI9M
LOGIN: Was war Ihre Aufgabe innerhalb des Hilfszuges?
Mark Herzog: Erst einfach nur LKWFahrer. Ich hatte bei der Bundewehr einen LKW-Führerschein gemacht. Aufgrund der Verhältnisse entwickelte der Einsatz vor Ort dann aber schnell eine gewisse Eigendynamik: Aus dem einen geplanten Tag wurde schnell eine Woche und ich mal eben Betreuungshelfer. Ich bin insgesamt drei Touren gefahren. Mal bin ich am nächsten Tag wieder abgerückt, mal ein paar Tage geblieben, um abzuladen, Betten, Waschrinnen, Öfen und Zelte zu bauen oder sonst mit anzupacken.

LOGIN: Das Bild der Zelte im Park der Botschaft ist bekannt. Auch darin herrschte sicherlich gewaltige Enge?
Mark Herzog: Man muss sich das so vorstellen: Die Zelte waren für rund 20 Bundeswehrbetten gedacht, um bei so genannten Großschaden-Ereignissen Verletzte zu lagern. Von diesen Betten kann man aber auch bis zu drei Stück aufeinander "stapeln". Wir stellten pro Zelt also 3 x30 oder noch mehr auf. Diese Betten wurden quasi über Wochen niemals kalt,- das ist keine Übertreibung! Die Flüchtlinge schliefen in Schichten. Um das hygienisch einigermaßen in den Griff zu bekommen, wurden die Bundewehr-Schlafsäcke verteilt, aber selbst die wurden oft von mehreren Leuten z.B. Familien oder Paaren zugleich bzw. abwechselnd benutzt. Es gab Helfer, die so zu sagen Schlafmannschaften einteilten und zum Schichtwechsel die Leute geweckt haben, damit es keinen Streit gab und "jeder mal ins Bett" kam. Man musste für ein Bett ebenso stundenlang anstehen wie für die Möglichkeit, auf eine der wenigen Toiletten zu gehen. Bei 3.000 bis 4.000 Menschen in dem kleinen Botschaftsgarten mussten wir unbedingt "unkontrollierte" Notdurft-Verrichtung, z.B. im Freien verhindern, sonst hätten sich Seuchen auf dem Gelände ausgebreitet. Nicht auszudenken, was das bedeutet hätte. Man bedenke: Das zog sich bis in den November! Viele hatten nicht mehr bei sich, als das, was sie am Körper trugen:Der Rest lag in irgendeinem verlassenen Trabbi. Da sieht man die BundewehrTrainingsanzüge, die wir ebenfalls verteilt haben, in ganz anderem Licht.
LOGIN: Welche deutschen Behörden arbeiteten vor Ort in Prag zusammen?
Mark Herzog: Vor Ort gab es offiziell nur das Botschaftspersonal. Ich bin sicher, dass da aber auch jede Menge "Schlapphüte" herumgegeistert sind. Immerhin gab es auch Stasi-Leute oder wenigstens solche, die dafür gehalten und vor Lynchjustiz geschützt werden mussten. Alle waren den DRK-Leuten aber eher dankbar. Klar: Alleine hätte das wenige Personal nicht für Ruhe und Ordnung sorgen können. Deutsche oder gar örtliche Polizei war völlig ausgeschlossen. Die enzige von den Tschechen akzeptierten Uniform war unser Rotkreuz-Grauzeug. Und so habe ich zum ersten Mal erlebt, dass DRK-Helfer Polizeiaufgaben erledigt haben. Das sah echt komisch aus: Als ich auf der zweiten Tour eintraf, habe ich beobachtet, wie zwei Menschen mit gespreizten Beinen und erhobenen Armen an der Torwand standen und von zwei DRKKollegen in Uniform durchsucht wurden. Ich habe dann später mal gefragt, was die da gemacht haben. Man führte mich in den Keller des Palais Lobkowitz. Da waren hunderte Flaschen mit Alkohol gelagert. Warum die eingesammelt worden waren, kann man sich denken, warum sie aufgehoben wurden, weiß ich bis heute nicht. Vielleicht, weil sie zum Teil den einzigen Wert darstellten, den so mancher dort mit sich trug, und man den Leuten gesagt hatte, dass sie sie zurück bekommen. Vielleicht aber auch, weil es im ganzen Botschaftsgebäude keine einzige Ecke und ganz bestimmt kein WC gab, in dem man sie ungesehen hätte "entsorgen" können.
LOGIN: Wo waren Sie, als Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon die Ankündigung der Ausreisebewilligung machte?
Mark Herzog: Das war während meiner zweiten Prag-Tour. In diesem Moment habe ich im Garten der Botschaft am Zaun gestanden und aufgepasst, dass nicht wieder nach außen Schlafsäcke gegen Zigaretten und Alkohol getauscht wurden.
LOGIN: Wie war die Reaktion der Umgebung?
Mark Herzog: Die ist ja nun vielfach überliefert. Ein Siegestor der Nationalelf bei der Fußball-WM ist eine Trauerfeier dagegen.
LOGIN: Wie war Ihre eigene Reaktion?
Mark Herzog: Ich weiß nicht mehr. Ich habe mich für die Leute gefreut. Die historische Dimension habe ich damals nicht gesehen. Und ich dache an meine Frau, mit der ich bei solchen Einsätzen tagelang keinen Kontakt hatte. Die würde das im Fernsehen sehen und wissen, dass alles gut ausgegangen ist. Dass alles gut ausgehen würde, war nicht von Anfang an klar. Einmal bin ich in einem der oberen Stockwerke ans Fenster gegangen. Ich bin sicher, dass ich in einem der gegenüberliegenden Häuser hinter einem verschlossenen Fenster ein MG auf einer Lafette habe stehen sehen. Ich habe einen der Botschaftsleute darauf angesprochen und der gab mir zu verstehen, dass man wisse, dass die Botschaft quasi belagert werde und dass ich meine Beobachtung für mich behalten solle. Die tschechische Polizei war ohnehin rund um die Botschaft aufmarschiert und hatte Sperren errichtet. Die Bilder, wie einige DDR-Flüchtlinge versucht haben, den Zaun um die Botschaft zu überwinden und die Polizisten versuchten, das zu verhindern, gingen später ja um die Welt. Botschafter Huber persönlich hat damals nach allen Regeln der diplomatischen Kunst protestiert. Ich war im Herbst 2007 mit meiner Frau noch einmal in Prag: Heute ist der Zaun locker 50 cm höher und oben nach innen gebogen. Heute würde da keiner mehr "rüber machen" können.

LOGIN: Wo war bei der Enge das DRKPersonal selbst einquartiert?
Mark Herzog: Aus Sicht des DRK war das insgesamt ein ziemlich konstantes "Kommen und Gehen", denn auch die Kameraden konnten kaum irgendwo schlafen. Dass sie sich diesbezüglich keine Privilegien geschaffen haben, wie die Bonzen in der DDR, das konnten viele Flüchtlinge nicht verstehen. Ich hatte das Glück, dass mein LKW zwei Schlafkojen hatte und eine Standheizung. Das war der pure Luxus! Da wir die Fahrzeuge außerhalb der Botschaft parken mussten, haben wir Fahrer ab und an auch dort geschlafen und abwechselnd Wache geschoben, damit nicht etwa sich Reifen, Spiegel oder Lampen wundersam vermehrten, oder noch verbliebene Ladung abhanden kommt.
LOGIN: Wie viele DRK-Kräfte waren im Einsatz?
Mark Herzog: In der Prager Botschaft dürften so um die 100 gewesen sein. Mehr hätten auch kaum hineingepasst.
LOGIN: Wie lange dauerte Ihr Einsatz?
Mark Herzog: Für mich selbst war Prag Anfang November beendet. Nach Genschers Besuch am 30. September, der Ausreise und der damit verbundenen Räumung der Botschaft füllte sich diese ja nochmals rasant mit 4.000 Menschen! Das ging so bis die Tschechen, wie vorher die Ungarn, die Grenzen öffneten. So gesehen konnte Schabowski gar nicht mehr anders, als am 9. November zu erklären, dass alle ohne Formalitäten ausreisen können.
Mark Herzog 49, hat zwei Kinder und fand bereits Mitte der 80er über die Entwicklung der GPS-Technik zum IT-Umfeld.
Seit fünf Jahren betreut er von der Niederlassung Ratingen der DATALOG Software AG aus Key Accounts im Bereich der Microsoft-Volumenlizenz-Programme SELECT und Enterprise Agreement. |
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