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Erfand Leonardo da Vinci den Computer?

Es klingt wie ein Kapitel aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“: Durch einen Zufall entdeckte ein amerikanischer Forscher 1967 ein Originalmanuskript wieder, das Leonardo da Vinci, das Universalgenie der Renaissance, als Pionier der Erfindung des Computers erscheinen lässt.

 

In Seminarbibliotheken von Universitäten kann man die schlechte Gewohnheit beobachten, dass Studenten Bücher verstecken, damit das Werk bei ihrem nächsten Besuch nicht von einem anderen Benutzer gelesen wird. Dazu wird das Buch an einer falschen Stelle im Regal „geparkt“. Wird nach der Bearbeitung des Themas oder gar nach dem Examen das Zurücksortieren vergessen, kann der Titel dort theoretisch jahrzehntelang schlummern und offiziell als nicht mehr vorhanden gelten.

 

 

Das tollkühene Genie...                               ...und seine fliegende Kiste

 

Zwei geheimnisvolle Karteikarten

Vielleicht erklärt sich so auch das plötzliche Auftauchen einiger Handschriften Leonardo da Vincis. Am 13. Februar 1967 recherchierte der Bostoner Romanistikprofessor Julius Piccus in der spanischen Nationalbibliothek in Madrid. Er suchte eigentlich nach Balladen und Troubadourliedern des Mittelalters. Dabei entdeckte er zwei Karteikarten mit Leernummern. Das sind Karten, auf denen weder Autor noch Titel, sondern lediglich das Vorhandensein eines Werkes verzeichnet ist. Die Nummern wurden zur Ansicht angefordert.

 

Man kann sich Professor Piccus‘ Überraschung gut vorstellen, als man ihm statt mittelalterlicher Gesänge zwei Bände mit Manuskripten vorlegte, in denen er sofort Handschriften Leonardo da Vincis erkannte. Sie waren um 1500 entstanden, galten aber seit 1830 als verschollen, da niemand in dieser riesigen Bibliothek nach Werken suchen konnte, die unvollständig katalogisiert worden waren. Die sensationellen Fundstücke wurden Codex Madrid 1 und II genannt.

 

 

Das Universalgenie  

Hätte der begnadete Künstler Leonardo da Vinci (1452-1519) lediglich die „Mona Lisa“ gemalt, wäre sein Ruhm bis heute bereits ausreichend begründet. Allerdings beschränkte er sich keinesfalls auf seine künstlerische Tätigkeit. In allen Bereichen der Wissenschaft sammelte er Kenntnisse und verband dieses als universell zu bezeichnende Wissen oft zu verblüffenden Neuerungen.

 

 

Die Liste der Dinge, die er als erster und oft jahrhunderte vor ihrer Entdeckung oder Erfindung zu Papier brachte, ist lang. Neben anatomischen Details reicht sie vom Fallschirm bis zum Fahrrad. Die 157 etwa DIN A5 großen Blätter beider Codices zeigen die ganze Bandbreite der Studien da Vincis. Sie befassen sich mit Malerei, Geografie, Mathematik, Geometrie und Mechanik. Dazu kommen Entwürfe für Waffen, für militärische Architektur und für eine 2.200 Meter lange Brücke über den Bosporus. Neben einer mehrstufigen Rakete findet sich ein Kreiselsystem, das genau dem gleicht, welches in den 2oeriahren als Blindfluganlage für Flugzeuge konstruiert wurde. Zusätzlich fand der Ingenieur Dr. Roberto Guatelli noch ein weiteres Feld, auf dem der Meister seiner eigenen Zeit offenbar sehr weit voraus war.

 

 

Ein Getriebe wird zum Zählwerk 

Guatelli galt weltweit als Experte für die technischen Erfindungen Leonardos. Er hatte verschiedene funktionstüchtige Modelle von Konstruktionen da Vincis anfertigen lassen. Ab 1951 tat er dies im Dienste von IBM. Diese Modelle stellte IBM auf Wanderausstellungen weltweit in Schulen und Museen aus.

 

1967 inspizierte Guatelli an der Universität von Massachusetts eine Kopie des kurz zuvor in Madrid entdeckten Codex und stutzte: Bei einer der Zeichnungen aus dem Bereich der Mechanik handelte es sich anscheinend um ein Getriebe. Guatelli dachte sofort an eine artverwandte Zeichnung in einer anderen Sammlung von da-Vinci-Manuskripten, dem so genannten „Codex Atlanticus‘ in Mailand. Beide Zeichnungen zusammen machten nicht mehr den Eindruck eines Getriebes, sondern ergaben vielmehr eine Art Zählwerk. Der erste mechanische Rechner der Weltgeschichte?

 

 

Blaise Pascals Rechner  

Dass eine Programmiersprache unseres Computerzeitalters nach dem französischen Naturwissenschaftler Blaise Pascal (1623-1662) benannt wurde, macht Sinn. Schließlich gelang ihm 1642 die Konstruktion der ersten funktionstüchtigen mechanischen Rechenmaschine der Welt, die er dutzendfach baute. Offensichtlich hatte Leonardo den gleichen Gedanken aber bereits rund i6o Jahre zuvor gehabt.

 

1968 baute Guatelli die Konstruktion da Vincis als eine Kombination der beiden von ihm in Zusammenhang gebrachten Zeichnungen nach. Der Apparat wurde in den Ausstellungen von IBM gezeigt und funktionierte tatsächlich so ähnlich wie einige Konstruktionen der jüngsten Vergangenheit.

 

 

Die geheimnisvolle Seite aus dem lange verschollenen Codex in der Nationalbibliothek in Madrid.

 

 

 

Wer hat's erfunden?  

Über ein Jahr lang rätselte die Fachwelt über Guatellis Nachbau. Schließlich wurde in einem wissenschaftlichen Symposium an einer amerikanischen Universität in aller Breite über da Vincis Intention und die mechanische Erfindung debattiert. Trotz aller Argumente blieb letztendlich die Frage ungeklärt, ob es sich bei Guatellis Nachbau um eine richtige Deutung der Ideen Leonardo da Vincis oder die zu weit gehende Interpretation eines vergleichsweise simplen Getriebes handelte. Dies ist auch heute, rund 35 Jahre später, noch der Stand der Forschung.

 

IBM entschied, den Apparat auf den Ausstellungen nicht mehr zu zeigen. Seitdem ist er verschwunden. Auf eine LOGIN-Anfrage nach einer Abbildung antwortete IBM: "Unser Archiv enthält Fotos von einigen Modellen Leonardo da Vincis, die IBM als Teil einer Leonardoda-Vinci-Wanderausstellung angefertigt hatte. Leider ist es uns nicht möglich, ein Foto des Rechner-Modells zu finden."

 

Guatelli starb 1993 mit fast neunzig Jahren. Sein Schwiegersohn in New York baut immer noch Modelle technischer Konstruktionen der Renaissance-Ingenieure.

 

Ob Leonardo da Vinci als einer der geistigen Väter der technischen Entwicklung unserer Zeit anzusehen ist, bleibt offen. Vielleicht fehlt uns aber selbst noch heute das tatsächlich nötige Verständnis. Denn über 450 Jahre lang betrachtete man eine Holzkonstruktion da Vincis mit flügelartigen Schrauben auf der Oberseite relativ ratlos. Seit rund 6o Jahren hat diese Konstruktion einen uns bekannten Namen: Hubschrauber.

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Roland  Gruschka
Roland Gruschka
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